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Für Handwerksbetriebe

Handwerk und KI: Die Lieblingszahlen der Anbieter sind erfunden. Die echten sind schlimmer.

10. Juli 2026 · 4 Min. Lesezeit · Robert Van Ysendyck

Wer als Handwerksbetrieb nach Automatisierung sucht, trifft überall dieselben Zahlen: 60 Prozent der Angebote würden nie nachgefasst, 80 Prozent der Abschlüsse fielen zwischen dem zweiten und fünften Kontakt, 78 Prozent der Kunden kauften beim schnellsten Antworter. Wir haben diese Zahlen für diesen Artikel zurückverfolgt. Ergebnis: Die "National Sales Executive Association", auf die sich die 80-Prozent-Zahl beruft, hat nie existiert. Für die 60 Prozent nennt keine der zitierenden Seiten eine Studie. Die 78 Prozent sind nirgends auffindbar. Das Marketing einer ganzen Branche steht auf erfundenen Statistiken.

Das Ärgerliche daran: Es wäre gar nicht nötig. Die Zahlen, die einer Prüfung standhalten, sind eindrücklicher als die Folklore.

Die echten Zahlen

Personal: In der Bauelektrik können rechnerisch drei von vier offenen Stellen nicht besetzt werden, eine Stellenüberhangsquote von 75,6 Prozent, der höchste Wert aller Berufe in Deutschland (KOFA-Jahresrückblick 2025, Februar 2026). Und das in einem Rezessionsjahr, in dem die gesamtdeutsche Fachkräftelücke um ein Viertel schrumpfte. Die oft zitierten 250.000 fehlenden Handwerker sind übrigens eine ZDH-Schätzung, die seit 2022 unverändert kommuniziert wird; die methodisch strengere KOFA-Rechnung kam für 2024 auf rund 107.500. Auch die kleinere Zahl ist eine Katastrophe. In Österreich meldet der WKO-Fachkräfteradar rund 176.000 fehlende Fach- und Arbeitskräfte, und der Lehrlingsstand fiel Ende 2025 auf ein historisches Tief von 102.878.

Rechnerisch unbesetzbare offene Stellen je Beruf Elektrische Betriebstechnik 78,2 % Bauelektrik 75,6 % Kraftfahrzeugtechnik 60,6 %
KOFA-Jahresrückblick 2025 (Stellenüberhangsquoten, Februar 2026)

Erreichbarkeit: Im Juni 2026 verschickte ein Vermittlungsportal testweise rund 500 Anfragen an Betriebe in den zehn größten deutschen Städten. Dachdecker beantworteten 37 Prozent davon. Die beste Gewerkegruppe, die Fensterbauer, ließ immer noch jede vierte Anfrage unbeantwortet. Dazu passt die Verbraucherseite: 60 Prozent der Deutschen sagen, kleine Betriebe seien telefonisch schwer erreichbar (YouGov 2023), und die Auftragsbücher sind mit durchschnittlich 8,9 Wochen Vorlauf voll (ZDH-Konjunkturbericht Q1/2026). Anfragen bleiben nicht liegen, weil sie unerwünscht sind. Sie bleiben liegen, weil niemand Zeit hat, sie zu beantworten.

Das Paradox: Nur 4 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe setzen KI ein, und 72 Prozent sagen wörtlich, sie hätten zu viel zu tun, um sich mit Digitalisierung zu beschäftigen (Bitkom, August 2025). Die knappste Ressource des Betriebs verhindert die Einführung genau des Werkzeugs, das sie entlasten würde. Der Büroanteil ist dabei messbar: Im Bau gehen 8,1 Prozent der Arbeitszeit für Bürokratieprozesse drauf (KfW Research 2025), österreichische KMU melden bis zu 19 Stunden pro Woche (WKÖ 2024).

Was das Softwareregal kann und was nicht

Die Handwerkersoftware-Anbieter rüsten sichtbar auf: Plancraft hat im August 2025 38 Millionen Euro aufgenommen und liefert Sprach-Aufmaß und selbstschreibende Angebote, HERO hat im Juni 2026 einen eigenen KI-Telefonassistenten gestartet, ToolTime seit Mai 2026 als erster eine direkte DATEV-Schnittstelle. Wer eine dieser Plattformen nutzt und die Funktionen noch nicht aktiviert hat, sollte dort anfangen, nicht bei einer Agentur. Das sagen wir in Erstgesprächen regelmäßig.

Zwei Lücken bleiben aber quer durchs Regal. Erstens das Telefon: Die meisten etablierten Anbieter mieten ihre Telefon-KI von Startups zu, einige haben gar keine, und dass ein Wiener Telefon-KI-Anbieter im Juni 2026 die zweitgrößte Seed-Finanzierung der österreichischen Geschichte einsammelte, zeigt, wie offen dieses Feld noch ist. Zweitens das Nachfassen: Eine eingebaute Angebots-Nachfassautomatik bietet Stand Juli 2026 genau ein Anbieter an. Der Rest der Branche schreibt Angebote, die im Schnitt mehrere Arbeitsstunden kosten, und überlässt danach dem Zufall, ob jemand nachfragt.

Was ein Betrieb realistisch automatisiert

Die Antwort ist unspektakulär: das Büro, nicht das Gewerk.

Nichts davon verlegt ein Kabel oder dichtet ein Dach ab. Es sorgt dafür, dass die Stunden, die dafür qualifiziert sind, nicht am Schreibtisch verdunsten. Ob sich das für Ihren Betrieb rechnet, zeigt der 60-Sekunden-Check, und was solche Projekte kosten, steht mit Quellen in unserer Preisübersicht. Und falls Ihnen jemand die 80-Prozent-Statistik verkauft: Fragen Sie nach der Quelle. Die Antwort ist ein guter Anbietertest.

Stand 10. Juli 2026. Quellen: KOFA-Jahresrückblick 2025 (Feb. 2026) und KOFA-Kompakt 3/2025, ZDH-Fachkräfteseite und Konjunkturbericht Q1/2026, WKO-Fachkräfteradar/ibw 2025, WKO-Lehrlingsstatistik 2025, Bitkom "Digitalisierung des Handwerks" 2025, KfW Research Fokus 495 (2025), KMU Forschung Austria 2024, Aroundhome Handwerker-Check (Juni 2026), Enreach/YouGov 2023, BMF-FAQ E-Rechnung, § 634a BGB, Art. 50 EU AI Act. Debunks: VentureBeat zur "National Sales Executive Association".

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