Die Branche schrumpft, und zwar amtlich belegt. 669.000 Leiharbeitnehmende zählte die Bundesagentur im Juni 2025, der niedrigste Stand seit 2010 und 38 Prozent unter dem Spitzenwert von Ende 2017. Der Marktumsatz sank 2024 laut Lünendonk das zweite Jahr in Folge auf 31,9 Milliarden Euro, Creditreform zählte 120 Insolvenzen 2024 plus 63 im ersten Halbjahr 2025 und weist für 27,8 Prozent der Betriebe eine Eigenkapitalquote unter zehn Prozent aus. Österreich meldet über die amtliche AKÜ-Erhebung minus 10,2 Prozent überlassene Arbeitskräfte in einem Jahr. Und die Personalberatung schrumpft mit: 2.175 überwiegend kleine Firmen, 2,78 Milliarden Euro Umsatzprognose, wobei der Branchenverband BDU selbst notiert, dass KI-gestützte Kandidatensuche der Kunden die Nachfrage nach Beratern dämpft.
Bei EBIT-Margen, die Branchenportale übereinstimmend mit 2 bis 6 Prozent angeben, eine offizielle Statistik existiert dazu ehrlicherweise nicht, ist die Konsequenz hart: Wer Recruiter-Stunden an Handarbeit verliert, verliert kein Wachstum, sondern Substanz.
Die Arbeit skaliert mit dem Durchlauf, nicht mit dem Bestand
Die unbequemste Zahl der BA-Statistik ist nicht der Rückgang, sondern der Umschlag: 789.000 neue Arbeitsverträge in zwölf Monaten bei einem Bestand von rund 660.000 Beschäftigten. Ein Zeitarbeitsbetrieb durchläuft die komplette Eingangsstrecke, Lebenslauf erfassen, Unterlagen prüfen, AÜG-Papiere, Equal-Pay-Rechnung, Onboarding, im Schnitt öfter als einmal pro Kopf und Jahr. In Österreich dauert die durchschnittliche Überlassungsepisode nur noch 73 Tage. Dazu die Prozessrealität aus 2,5 Millionen echten Bewerbungen im onlyfy-Bewerbungsreport: Eine Besetzung braucht im Schnitt 70 Tage, 19 Bewerbungen und 4 Gespräche, während die BA-Vakanzzeit auf 169 Tage gestiegen ist. Drei Viertel der Bewerber erwarten eine Einladung binnen zwei Wochen, und laut KOFA-Studie vom Dezember 2025 kennen 14,7 Prozent der Unternehmen den Fall, dass unterschriebene Verträge schlicht nicht angetreten werden. Geschwindigkeit ist in diesem Geschäft keine Tugend, sondern die Ware.
Dazu ein Befund, der die Screening-Logik still erodiert: Laut softgarden-Studie vom Juni 2026 schreiben 43,2 Prozent der Bewerber ihre Anschreiben mit KI, dreimal so viele wie 2023. Das Signal, das Vermittler von Hand lesen, wird zunehmend maschinell erzeugt.
Die Falle: Der naheliegendste KI-Einsatz ist der rechtlich schlechteste
Anhang III des EU AI Act erklärt KI-Systeme zur Hochrisiko-Anwendung, die wörtlich dazu bestimmt sind, "Bewerbungen zu analysieren und zu filtern und Kandidaten zu bewerten". CV-Screening, Ranking, automatisiertes Shortlisting, also genau das, was amerikanische Anbieter am aggressivsten vermarkten, fällt namentlich darunter. Die Pflichten greifen nach dem Digital Omnibus ab 2. Dezember 2027, und sie wurden verschoben, nicht verwässert: menschliche Aufsicht durch benannte, kompetente Personen, Protokollierung, Information der Betroffenen. Wer ein eigenes Matching-Modell baut oder white-labelt, riskiert die volle Anbieterrolle samt Konformitätsbewertung. Und das deutsche AGG legt mit § 22 die Beweislast um: Ein abgelehnter Kandidat braucht nur Indizien, dann muss die Agentur beweisen, dass ihr undurchsichtiges Modell nicht diskriminiert hat.
Zwei Zahlen, die Ihnen Anbieter dennoch zeigen werden, halten übrigens keiner Prüfung stand: Die "6 Sekunden pro Lebenslauf" stammen aus einer Eyetracking-Studie von 2012 mit 30 Teilnehmern, und die "75 Prozent der Bewerbungen, die im ATS sterben", sind eine Fehllesung einer Harvard-Studie, die das nie gemessen hat.
Der umgedrehte Trichter: alles automatisieren außer dem Urteil
Für einen Personaldienstleister mit 10 bis 100 Mitarbeitern liegt der Gewinn genau in den Strecken, die der AI Act nicht reguliert und die das Tagesgeschäft fressen:
- Eingang und Qualifizierung: Bewerbungen und Kundenaufträge strukturiert erfasst, Unterlagen vollständig gemacht, Rückfragen automatisch gestellt, im Ton des Hauses und mit Freigabe. Das ist Datensammlung, keine Auswahl.
- Reaktivierung des eigenen Pools: Der Umschlag von 789.000 Verträgen pro Jahr bedeutet, dass jede Agentur auf einem Schatz bereits geprüfter, bekannter Kräfte sitzt. Systematische, anlassbezogene Wiederansprache ist die billigste Besetzung im Markt und komplett unreguliert.
- Terminierung und Kommunikation: Gesprächsplanung gegen die Zwei-Wochen-Erwartung, Statusnachrichten gegen das Ghosting in beide Richtungen. Die Hälfte der Kandidatenabsprünge wird in Branchenumfragen langsamer Kommunikation zugeschrieben, das ist als Anbieterzahl zu lesen, aber die Richtung ist plausibel.
- Vor allem: das Pflichtenwerk. AÜG-Erlaubnis, Höchstüberlassungsdauer, Equal Pay nach neun Monaten, Branchenzuschläge, in Österreich Referenzzuschlag und SWF-Abgabe. Diese Papiere entscheiden über die Lizenz und damit die Existenz, ihre Erstellung und Fristenkontrolle ist der sicherste und wertvollste KI-Einsatz der ganzen Branche.
Wo KI die Auswahl doch berührt, gelten vier Regeln: gekauft statt selbst gebaut, als dokumentierte Entscheidungsunterstützung statt als Entscheider, mit einem benannten Menschen je Shortlist, protokolliert und offengelegt. Das ist exakt das Entwurf-plus-Freigabe-Prinzip, das wir überall bauen, hier nur mit Gesetzesrang.
Die Überlebensrechnung des schrumpfenden Markts ist einfach: Übrig bleiben die Agenturen, deren Recruiter ihre Stunden auf die zwei Dinge verwenden, die Maschinen hier rechtlich nicht gehören dürfen, das Matching-Urteil und die Kundenbeziehung. Ob Ihr Betrieb einen Automatisierungsfall hat, zeigt der 60-Sekunden-Check; was Projekte kosten, steht mit Quellen in der Preisübersicht.
Stand 10. Juli 2026, keine Rechtsberatung. Quellen: BA "Entwicklungen in der Zeitarbeit" (Januar 2026), Lünendonk-Liste 2025, Creditreform (Oktober 2025), Statistik Austria AKÜ-Erhebung (2025), BDU Facts & Figures Personalberatungsmarkt 2025, onlyfy/XING Bewerbungsreport 2025, KOFA-Studie 4/2025, softgarden "KI trifft Recruiting" (Juni 2026), EU AI Act Anhang III 4(a) und Art. 26 (Stand Digital Omnibus, Juni 2026), § 22 AGG, AÜG (DE/AT). Debunks: "6-Sekunden-CV" (2012, n=30), "75 Prozent sterben im ATS" (Fehllesung).